Katholische Pfarrei Romanshorn
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Archiv des St. Galler Tagblatts vom Dienstag, 19. Oktober 1999

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Auf dem Weg zu neuer Sozialgestalt

Kirchenüberschreitender Studientag in Romanshorn: «Neues wagen für Distanzierte»

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation der Kirchen?

Erich Häring, Regionaldekan (katholisch): Die katholische Kirche in Westeuropa ist in einer Umbruchsituation. Sie hat die alte gesellschaftliche Selbstverständlichkeit verloren, sie ist auf der Suche nach einer neuen Sozialgestalt. Ich vermute, sie ist auf einer Wüstenwanderung, weg von den Fleischtöpfen Ägyptens zu einem neuen Land.Toni Bühlmann, Pfarrer (katholisch): Wer fühlt sich schon als Mitglied der Kirche? Und ihr Stellenwert in der Gesellschaft ist niedrig.Daniel Klingenberg, Pfarrer (evangelisch): Die Situation in den Kirchen ist sehr heterogen. Tendenziell sagen die Menschen ja zu Religiosität und nein zu institutioneller religiöser Praxis.Christian Münch, Pfarrer (evangelisch): Eine Umfrage in unserer evangelischen Kirchgemeinde Weinfelden zeigte, dass alle die Mitwirkung von mehreren Personen im Gottesdienst begrüssen, sofern Qualität und Verständlichkeit nicht leiden. Es herrscht zurzeit ein gutes Klima, um über die Zukunft zu reden und Veränderungen zu diskutieren.

Neues, Visionäres wagen - lohnt sich das noch?

Häring: Neues wagen lohnt sich immer. Das Selbstverständnis der Kirche heisst: Die Kirche ist immer zu reformieren. Gott ist vor uns, nicht hinter uns.Bühlmann: Die Frage ist wohl, auf welcher Ebene etwas Neues gewagt wird und wer da mitzieht. Allein ist wohl wenig zu machen. Jede Gemeinde müsste Neues wagen, sich neu orientieren.Klingenberg: Aufgrund der frappanten Ambivalenz bezüglich der Attraktivität von Religiosität und des Desinteresses an darauf spezialisierten Institutionen ist es sinnvoll, sich in die religiöse Realität der Menschen von heute einzuklinken. Und diese im Rahmen der jüdisch-christlichen Überlieferung zu deuten.Münch: Das Neue, auch in landeskirchlichen Strukturen, besteht darin, dass Kirche nicht um ihrer selbst willen besteht, sondern nur Kirche ist mit ihren Mitgliedern. Jedes Mitglied muss als Mensch ernst genommen werden und soll sich mit engagieren können.Klingenberg: Was es braucht, ist eine Summe von zugeschnittenen Angeboten, welche Menschen in ihrer Situation, auf ihrer aktuellen Station in ihrer Biografie abholt.

Lassen sich Kirchendistanzierte überhaupt noch ansprechen - mit kirchlichen Angeboten?

Häring: Wann ist man kirchendistanziert? Etwa dann, wenn man nicht mehr regelmässig am Sonntag zur Kirche geht? Sind Kirchensteuerzahler distanziert? Der Kernpunkt ist nicht, dass Menschen sich nicht mehr ansprechen lassen, sondern, wie sie angesprochen werden. Bei diesem «Wie» muss die Kirche innovativer, freier, mutiger und einfühlsamer werden.Bühlmann: Das müsste man diese Menschen sicher selber fragen. Vielleicht schon: Vielleicht ist das individuell, sehr persönlich in bestimmten Lebenssituationen.Klingenberg: Die Verbindung geschieht eher über in der Biografie auftauchende Situationen, die eine Verbindung zur Religion nahe legen.Münch: Es geht in diesen Bemü-hungen zuerst nicht um die Nähe zu einer Kirche, sondern um den christlichen Glauben, darum, dass Gott in Christus die Menschen zur Versöhnung mit ihm ruft. Das ist meiner Meinung nach in der Tat eine «Gute Nachricht».

Gibt es Aufbrüche? Hier? Im Thurgau?

Häring: In der Bistumsregion Thurgau verfolgen wir vor allem das Projekt von Bezugspersonen, also Menschen, die auch kleine Pfarreien vor Ort so begleiten, dass sie lebendig bleiben.Bühlmann: Aufbrüche gibt es immer wieder. Neu in Romanshorn sind Formen wie beispielsweise Krabbelfeier, Taufelternabend, Orgelmeditation und andere gemeinschaftsfördernde Aktionen.Klingenberg: Eine Form des Aufbruchs, die ich selber kennen gelernt habe, stellt für mich die Bewegung der City-Kirchenarbeit dar, wie etwa das Projekt «Offene Kirche St. Leonhard», das es in St. Gallen gibt.Münch: Gerade weil es noch keine speziellen Aufbruchformen bei uns gibt, haben wir Initianten und Kirchenverantwortliche zu diesemStudientag eingeladen, um so eine Diskussion in den Gemeinden in Gang zu bringen.

Interview: Markus Bösch

Der Studientag vom 30. Oktober beginnt um 9.45 Uhr im Bodansaal mit zwei Referaten. In elf Workshops im katholischen Pfarreiheim und in der Schule am Schlossberg werden Projekte und Ansätze für einen Neuanfang vorgestellt. Den Abschluss machen am Nachmittag ein weiteres Referat und eine Podiumsdiskussion. Anmeldungen sind an Pfarrer Christian Münch, Weinfelden, zu richten.

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