Katholische Pfarrei Romanshorn
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Die Klagelieder, Kapitel 3

1 Ich bin der Mann, der Leid erlebt hat / durch die Rute seines Grimms.
2 Er hat mich getrieben und gedrängt / in Finsternis, nicht ins Licht.
3 Täglich von neuem kehrt er die Hand / nur gegen mich.
4 Er zehrte aus mein Fleisch und meine Haut, / zerbrach meine Glieder,
5 umbaute und umschloss mich / mit Gift und Erschöpfung.
6 Im Finstern liess er mich wohnen / wie längst Verstorbene.
7 Er hat mich ummauert, ich kann nicht entrinnen. Er hat mich in schwere Fesseln gelegt.
8 Wenn ich auch schrie und flehte, / er blieb stumm bei meinem Gebet.
9 Mit Quadern hat er mir den Weg verriegelt, / meine Pfade irregeleitet.
10 Ein lauernder Bär war er mir, / ein Löwe im Versteck.
11 Er hat mich vom Weg vertrieben, / mich zerfleischt und zerrissen.
12 Er spannte den Bogen und stellte mich hin / als Ziel für den Pfeil.
13 In die Nieren liess er mir dringen / die Geschosse seines Köchers.
14 Ein Gelächter war ich all meinem Volk, / ihr Spottlied den ganzen Tag.
15 Er speiste mich mit bitterer Kost / und tränkte mich mit Wermut.
16 Meine Zähne liess er auf Kiesel beissen, / er drückte mich in den Staub.
17 Du hast mich aus dem Frieden hinausgestossen; / ich habe vergessen, was Glück ist.
18 Ich sprach: Dahin ist mein Glanz / und mein Vertrauen auf den Herrn.
19 An meine Not und Unrast denken / ist Wermut und Gift.
20 Immer denkt meine Seele daran / und ist betrübt in mir.
21 Das will ich mir zu Herzen nehmen, / darauf darf ich harren:
22 Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft, / sein Erbarmen ist nicht zu Ende.
23 Neu ist es an jedem Morgen; / gross ist deine Treue.
24 Mein Anteil ist der Herr, sagt meine Seele, / darum harre ich auf ihn.
25 Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, / zur Seele, die ihn sucht.
26 Gut ist es, schweigend zu harren / auf die Hilfe des Herrn.
27 Gut ist es für den Mann, / ein Joch zu tragen in der Jugend.
28 Er sitze einsam und schweige, / wenn der Herr es ihm auflegt.
29 Er beuge in den Staub seinen Mund; / vielleicht ist noch Hoffnung.
30 Er biete die Wange dem, der ihn schlägt, / und lasse sich sättigen mit Schmach.
31 Denn nicht für immer / verwirft der Herr.
32 Hat er betrübt, erbarmt er sich auch wieder / nach seiner grossen Huld.
33 Denn nicht freudigen Herzens / plagt und betrübt er die Menschen.
34 Dass man mit Füssen tritt / alle Gefangenen des Landes,
35 dass man das Recht des Mannes beugt / vor dem Antlitz des Höchsten,
36 dass man im Rechtsstreit den Menschen bedrückt, / sollte der Herr das nicht sehen?
37 Wer hat gesprochen und es geschah? / Hat nicht der Herr es geboten?
38 Geht nicht hervor aus des Höchsten Mund / das Gute wie auch das Böse?
39 Wie dürfte denn ein Lebender klagen, / ein Mann über die Folgen seiner Sünden?
40 Prüfen wir unsre Wege, erforschen wir sie / und kehren wir um zum Herrn.
41 Erheben wir Herz und Hand / zu Gott im Himmel.
42 Wir haben gesündigt und getrotzt; / du aber hast nicht vergeben.
43 Du hast dich in Zorn gehüllt und uns verfolgt, / getötet und nicht geschont.
44 Du hast dich in Wolken gehüllt, / kein Gebet kann sie durchstossen.
45 Zu Unrat und Auswurf hast du uns gemacht / inmitten der Völker.
46 Ihren Mund rissen gegen uns auf / all unsre Feinde.
47 Grauen und Grube wurde uns zuteil, / Verwüstung und Verderben.
48 Tränenströme vergiesst mein Auge / über den Zusammenbruch der Tochter, meines Volkes.
49 Mein Auge ergiesst sich und ruht nicht; / es hört nicht auf,
50 bis der Herr vom Himmel her / sieht und schaut.
51 Mein Auge macht mich elend / vor lauter Weinen in meiner Stadt.
52 Wie auf einen Vogel machten sie Jagd auf mich, / die ohne Grund meine Feinde sind.
53 Sie stürzten in die Grube mein Leben / und warfen Steine auf mich.
54 Das Wasser ging mir über den Kopf; / ich sagte: Ich bin verloren.
55 Da rief ich deinen Namen, Herr, / tief unten aus der Grube.
56 Du hörst meine Stimme. / Verschliess nicht dein Ohr / vor meinem Seufzen, meinem Schreien!
57 Du warst nahe am Tag, da ich dich rief; / du sagtest: Fürchte dich nicht!
58 Du, Herr, hast meine Sache geführt, / hast mein Leben erlöst.
59 Du, Herr, hast meine Bedrückung gesehen, / hast mir Recht verschafft.
60 Du hast gesehen ihre ganze Rachgier, / all ihr Planen gegen mich.
61 Du hast ihr Schmähen gehört, o Herr, / all ihr Planen gegen mich.
62 Das Denken und Reden meiner Gegner / ist gegen mich den ganzen Tag.
63 Blick auf ihr Sitzen und Stehen! / Ein Spottlied bin ich für sie.
64 Du wirst ihnen vergelten, Herr, / nach dem Tun ihrer Hände.
65 Du wirst ihren Sinn verblenden. / Dein Fluch über sie!
66 Du wirst sie im Zorn verfolgen und vernichten / unter deinem Himmel, o Herr.